Christian Malycha
Gestell, Geschiebe und das Blau des Himmels. Martin Meyenburg
Auch vor Martin Meyenburgs Bildern muß man vor allem anderen
mit der Farbe beginnen. Denn, wie Ernst Strauss eindringlich beschrieb,
“die Farbe als das persönlichste einer Malerei [...]
läßt sich weder übertragen noch übernehmen“.
Ausgehend vom ersten, unscheinbaren Farbfleck auf
der Leinwand stellt sich für Meyenburg – wie für
jeden Maler – mit jedem Bild aufs Neue die Frage, wie
Farbe im Bild überhaupt möglich ist. Wie organisiert
man die Malfläche, wie legt
man die Komposition an oder welche Kontraste sichern überzeugend
den Zusammenhalt auf der Bildfläche? Wie gelingt es, Flächen
und gestische Farbzüge
mit den Motiven in ein derart ausgewogenes Verhältnis zu
bringen, daß die einzelnen Gegenstände nicht länger
als abbildhafte Realien erscheinen, sondern aus der Farbmaterie
gleichsam neu entstehen?
Meyenburg folgt in seinen Bildern einer der grundlegenden
Errungenschaft der modernen Malerei: der Freisetzung der Farbe
im Bild. Die Farbe ist von ihren Darstellungszwängen freigemacht,
ist nicht länger dienende Gegenstandsfarbe, sondern wird
durch ihre Disintegration gegenüber der motivischen
Geschlossenheit zu einer unabhängigen Bildfarbigkeit und
kann nunmehr
souverän “für das Thema, die Form, den Raum, und
die Bewegung des Lichtes“ einstehen. Kein vermeintliches
Vorbild stört die schauende Aufmerksamkeit.
Man kann hingegen ruhig den Blick auf der Bildfläche schweifen
lassen und
den Weg des Bildes bis in die ursprüngliche Farbmaterie nachvollziehen.
Bedenkt man vor Meyenburgs Bildern die Überlegungen
Robert Delaunays
zur Farbe, so zeigt sich – etwa an einem Bild wie STATION
–, daß auch hier
die Farbe Form und Inhalt gleichermaßen ist . Die Farbe
selbst nötigt den Maler,
sich über seine Bildmittel und sein Vorgehen klar zu werden,
mit welchen er
schließlich die farbigen Flecken und Flächen, die Pinselzüge
und Farbabläufe zu
einem gut auf der Wand stehenden Bild vereint. In jedem Bild ist
zunächst
die Farbe da. Licht liegt sie auf der Leinwand und bringt alles
weiterhin Sichtbare
erst aus sich selbst zur Erscheinung.
Man blickt in STATION auf eine Bildlandschaft, in deren Mitte
gestellartige Versatzstücke einer eigentümlichen Architektur
geschoben sind.
Die dominante Farbe ist ein teils sprödes, teils lasierend
glänzendes, zur Bildmitte
hin leicht gräuliches Blau.
Meyenburgs Vertrauen in die Bildfarbe führt nun dazu, daß
sich vor dem Bild
nicht von einem blauen Himmel sprechen läßt, sondern
geradezu vom
vielgestaltigen Blau des Himmels – in anderen seiner Bilder
wird man ganz
ähnliches feststellen.
Die Farbe faßt sich und nimmt sich gleichsam
in sich zurück – selbst auf den
wenigen Bildern Meyenburgs, auf welchen Figuren auftauchen, zeigt
sich dies,
die Gesichter sind opak verschlossen und werden wie in AIKON zu
massiven Blickfassaden.
Durch ihre feste Bindung mit der Fläche kann die Bildfarbe
ihren jeweiligen Ort
auf dieser behaupten. Die Bildfläche wird dergestalt zu einer
dicht geschlossenen
und dennoch lebhaft bewegten Farbfront, der man gegenübersteht.
Doch trotz dieser Betonung der Farbe vermag es Meyenburg auf erstaunliche
Weise, ein bildliches Ungleichgewicht zu verhindern: Seine Bilder
sind auf die Distanz hin angelegt,
aus welcher sich die einzelnen, vorspringenden Farbpartien, aber
auch
die Motivteile flächenmäßig zu ruhigen Bildplänen
fügen. Die einzelnen Farbflächen bleiben dabei nicht
isoliert, sondern steigern sich gegenseitig. Sie werden in- und
gegeneinander gestrichen, aufgeworfen oder laufen schlichtweg
ab, so daß sich partielle Blickpunkte bilden, die den Blick
kurz fokussieren und sodann wieder in
die Fläche entlassen.
Mit seiner “Satztechnik der Farbe“ drängt Meyenburg
diese zwar in der Fläche zusammen, doch breitet er die Fläche
gleichermaßen durch die kontrastreich
geführten Farbmodule weit aus.
Und sowie STATION allein schon durch das Format
von 200 auf 270 cm ein weitaufgezogenes Bild ist, so ist auch
die farbige Spanne eine weite.
Das leichte Blau des Himmels ist einem Hellbraun in der Bodenzone
gegenübergesetzt; komplementär beruhigt, bilden sie
eine feste Klammer für die gestisch bewegten und mitunter
sogar verrissenen Farbzüge in der linken Bildmitte und der
gesamten rechten Bodenfläche, welche in leichte Grün-,
Blau- und Rosatöne aufbricht. Einher geht damit eine Verunklärung
der bildräumlichen Beziehungen,
da inmitten von Meyenburgs farbig vermalter Leichtigkeit die verschiedenen
Bildelemente wie Boden und Himmel, Architektur und Landschaft
oder aber
Pinselstrich und gegenständliches Motivstück nicht eindeutig
zu scheiden und zu bestimmen sind.
Das schroff ins Bild gestellte Gebäude scheint
solide, doch auf der linken Seite
löst Meyenburg es in ein schemenhaftes Grau auf, wie er auch
den Boden oder
das Blattwerk der Bäume in Streifen, Tupfen und bloße
Flecken übergehen läßt. Malerisch zerschichtet
er die räumliche Anlage des Bildes “in abgerundeten,
teils unförmigen Geschieben, teils rhombisch gestaltet, von
vielerlei Farben“ ,
um etwas vom Erstaunen des alten Goethes vor einer italienischen
Gesteinsformation aufzunehmen. Reliefartig baut Meyenburg seine
Bild mit ausgewogenen Lagenbeziehungen, aber ebenso mit harschen
Gefällen innerhalb
der Flächen und farbigen Intervalle.
Bislang hatte er seine Bilder am Computer vorentworfen
und anschließend auf
die Leinwand übertragen, was zunächst eine Erleichterung
der kompositorischen
Arbeit darstellt, mit der Zeit aber zu einer umso größeren
Erschwernis des malerischen Vorgehens führt, da Motiv und
Grund nicht gemeinsam auf der Bildfläche ermalt werden, sondern
erst mühsam miteinander montiert werden müssen.
Die seit dem letzten Jahr entstehenden Bilder zeigen allerdings
einen malerisch
sehr bedachten Umschwung.
Was sich in den ANZEIGENBLÄTTERN vorbereitete – jenen
kleinen Papierarbeiten, in welchen Meyenburg amüsierte, groteske
und zarte Übermalungen auf unterschiedlichste Zeitungsanzeigen
setzt –, ist mittlerweile auf die ’großen’
Gemälde übergegangen.
Meyenburg verwendet nach wie vor gestellartige Architekturen
als – an den Grundrichtungen des Bildes orientierte –
Organisationsfiguren, doch gehen diese Versatzstücke wie
in den ANZEIGENBLÄTTERN nun in einer umfassenderen Bildtektonik
auf.
Motive und Farbflächen sind nicht länger hart gegeneinander
gepreßt, sondern gehen ineinander auf, über- und unterlagern
einander. Koloristisch wie auch gegenständlich führen
diese Schichtungen auf der Fläche zu einer äußerst
malerischen Bilderscheinung, in welcher die Dinge des Bildes gleichsam
vereint und doch auch für sich gesehen sind. Die einzelnen
Bildelemente verdichten und gruppieren sich über ihre jeweilige
Binnengestaltung hinweg zu einer einigenden, übergeordneten
farbigen Bildgestalt. Für Meyenburg wird die Farbe in diesem
koloristischen Gesamtkomplex zum tragenden Grund seiner Darstellung,
in welchen er die rhythmisierenden Organisationsgestelle nunmehr
einbettet. Seine Vereinigung des Harten und des Flüssigen,
des Hellen und des Dunklen, des klar Leuchtenden und des Matteren
sind
– malerisch gedacht – immer ausgleichende Übergänge,
welche die Motive und Farbgründe gleichwertig auffassen und
im Bild ununterscheidbar miteinander verspannen.
Vor Martin Meyenburgs Bildern – seinen harschen
und entgleitenden Zerschichtungen, aber auch seinen zarteren Vermalungen
– wird erkennbar, daß das, was man leichthin Bildwirklichkeit
nennt, nichts anderes ist als die malerische Formulierung, die
bildnerische und damit mitunter entstellende Neufassung von Wirklichkeit.
erschienen 2007 Galerie Gerken